Kolumski

Allein im Abteil mit einem Russen

Kai Schiller beschreibt seine abenteuerliche Zugfahrt von Sotschi nach Rostow.

WM-Reporter Kai Schiller

Foto: Andreas Laible

Russland ist groß. Schon klar. Das flächengrößte Land der Welt. Auch das ist nicht neu. Wer aber eine Idee davon bekommen möchte, wie groß dieses Russland wirklich ist, der muss sich einfach in den Zug von Sotschi nach Rostow am Don setzen. Was bei Google Maps wie eine Strecke von Hamburg nach Berlin aussieht, sind in Wahrheit 15 Stunden quer durch die südrussischen Republiken Adygeja und Krasnodar mit dem Nachtzug. Und das alles nur, um das erste Spiel der Brasilianer gegen die Schweiz nicht zu verpassen.

Verrückt? Von wegen! Natürlich war der Zug voll von Brasilianern, deren Mannschaft ihr Teamquartier in Sotschi hat. Aber auch WM-Touristen aus Portugal, Spanien und sogar Chile (Eduardo), deren Team gar nicht in Russland dabei ist, sind in Sotschi pünktlich und voller Vorfreude um 0.30 Uhr auf den WM-Zug aufgesprungen.

Die erste Schwierigkeit: das richtige Abteil im richtigen Wagen zu finden. Das Ticket (einzig und allein) in Russisch gibt da genauso wenig Hilfestellung wie der (einzig und allein) in Russisch sprechende Schaffner. Aber am Ende hat es dann – wie immer – irgendwie doch geklappt: Wagen 09, Liege 29. Ich habe Glück: Außer mir ist nur noch ein ganzkörpertätowierter Russe im Viererabteil. Ein Computer-Journalist aus Moskau, wie ich dank dem Google-Übersetzer erfahre. Die Unterhaltung läuft so: Ich tippe in mein Handy „Ich heiße Kai. Ich komme aus Deutschland. Wie heißt du?“ Dann übersetzt dieses wirklich schlaue Ding mit dem passenden Namen Smartphone das Ganze ins Russische – und mein Gegenüber Wladimir („wie Putin“) tippt fleißig zurück ins Handy. So eine Art der Unterhaltung mag ein wenig anstrengend sein, aber immerhin konnte ich so erfahren, dass meine Reise nach Rostow am Don nur ein russischer Katzensprung ist. Denn Wladimir fährt weiter über Novocherkassik, Lihaya, Liski und Efremov bis nach Moskau. Insgesamt 39 Stunden für 1600 Kilometer im Zug.

Um Punkt 15.08 Uhr (die Deutsche Bahn darf sich gern ein Beispiel nehmen) heißt es dann Abschied nehmen. Natürlich via Smartphone. Ich: „Gute Reise. War nett, dich kennengelernt zu haben.“ Er: „Finde ich auch. Und viel Spaß beim Spiel. Ich drücke Brasilien die Daumen.“

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